Diesmal muss ich den Bogen etwas weiter spannen. Immerhin wollen zwei Blog-freie Wochen überbrückt und diverse Felsenbirnen-Happenings tangiert werden.
© Wildkraut & Wanderschuh
Bei Felsenbirnen muss ich unwillkürlich an die dürren Bäumchen denken, die sich im Gebirge mit unglaublicher Zähigkeit an 2 oder 3 cm2 Erde auf nacktem Felsgestein (gern auch in der Vertikalen) klammern. Noch paar Birnen an die Zweige visualisiert und man hat Felsenbirnen, oder nicht?
Wie sehen Felsenbirnen aus?
Im wahren Leben sind die Felsenbirnen weniger dramatisch platziert – gelegentlich sogar in Siedlungen und Hinterhöfen zur Zierde angepflanzt – und sehen weder in Farbe noch Form der namensgebenden Birne ähnlich. Die blaubeer-großen Felsenbirnen wachsen an kleinen Bäumen bzw. Sträuchern an dünnen Stielen, haben eine kleine, für Kernobstgewächse typische, Blüte und färben sich mit zunehmender Reife von rot über dunkelrot-lila bis zu dunkellila. Ideale Pflückzeit ist, wenn die Kirschen beginnen reif zu werden, also Mitte Juni.
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Ähnlich wie Apfelkerne, die auch cyanogene Glykoside enthalten, können große Mengen zerkauter Felsenbirnen-Samen Magen-Darm-Beschwerden verursachen. Bei normalem Verzehr (vom Strauch genascht oder im Dessert) bleiben die meisten Samen allerdings unzerkaut und werden auch unverdaut wieder ausgeschieden. Somit können ausgereifte Felsenbirnen ohne Bedenken gefuttert werden.
Die Entdeckung der Felsenbirne
Die Felsenbirne lernte ich eher zufällig in einer meiner Lieblings-Facebookgruppen kennen. Thema der Gruppe war, wie man unschwer erraten kann, essbare Wildpflanzen. Leider wurde die Gruppe vor Kurzem aufgelöst, so dass ich nun zwecks Bestimmungshilfe leblose Apps, statt freundliche Gleichgesinnte, zu Rate ziehen muss.
Letztes Jahr hatte ich beim Rad fahren die Felsenbirnenbüsche entdeckt. Erst einen Busch, dann zwei, dann drei, dann noch einen und noch einen. Genutzt hat es mir nix, weil die Felsenbirnen bei Entdeckung noch nicht ganz reif und beim Zweitbesuch Geschichte waren. Dieses Jahr habe ich besser aufgepasst und Anfang Juni die erste Ernte heim geradelt.
Die Skepsis des Mittagskochers verflog so schnell, wie die erste Felsenbirne im Mund steckte. Gegen seinen Vorschlag, die Pracht mit braunem Zucker und Sahne auszulöffeln, hatte ich nicht das Mindeste einzuwenden.
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Felsenbirnen als spontane Käse-Begleitung
Ein kleines Gläschen füllte ich ab, um es am Abend Ursula Heinzelmann bei deren Buchpräsentation zuzustecken. An einem sowieso sehr netten Abend rund um Was is(s)t Deutschland: Eine Kulturgeschichte über deutsches Essen, in toller Kulisse (die neuen Gemächer von Goldhahn und Sampson), mit interessanten Menschen, untermalt von feinen Weinen und spannenden Käsen, passten die Felsenbirnen wunderbar ins Geschehen und zu den anwesenden Käsesorten.
Möglicherweise ergibt sich aus diesem Zusammentreffen zweier Leidenschaften etwas Neues. Im Oktober bei Stadt Land Food zum Beispiel oder in Kooperation mit Maître Philippe, dessen eine Tochter der Idee aufgeschlossen und die andere offensichtlich auch dem essbare Wildpflanzen-Virus erlegen ist.
Wie die Felsenbirne zur Zabaione kam
Die zweite Felsenbirnen-Ernte holte mein Herr Schatz freiwillig selber ein, nur waren die mittlerweile sehr reifen Früchte anschließend schwerlich aus der Jogging-Wasserflasche heraus zu bekommen. Ich für meinen Teil steckte eine Woche lang zwar virtuell auf der Wiese, als ich an einem Artikel mit Überlänge zum Thema Wildkräuter für den ENTEGA-Blog schrieb, kam aber mit keinem Fuß vor die Tür.
Die zweite Portion Felsenbirnen erfuhr ihre Vollendung durch puren Zufall. Ich hatte mich nämlich spontan gemeldet, als auf Facebook Helfer für einen Kochschulevent gesucht wurden. Ich dachte da so an Anreichungen und Wegräumungen, aber stellte mit Schrecken fest, dass ich an einer der Kochstationen mitwirken sollte, die für ca. 60 Gäste eines Event mit Kochkurs-Charakter geplant waren. Klang am Telefon beängtigend genug, aber im Endeffekt waren der Gäste 150 und Köche 15. Ich quasi als einer davon – Team Zabaione zugeteilt. Puh, ging alles gut und Zabaione vor/mit Publikum aufschlagen musste ich schlussendlich auch nicht. Meine drei hilfreichen und äußerst charmanten Kollegen-für-einen-Abend fanden es eher belustigend als belästigend, einen Novizen im Team zu haben und der Chef schien zufrieden.
Um auf Nummer Sicher zu gehen, hatte ich dieses fluffige italienische Dessert zuvor jedoch üben wollen. Und so kam eins und eins bzw. Felsenbirne und Zabaione zusammen. Ich habe nach Johann Lafers Rezept die Zabaione mit Minze vom Balkon gepimpt. Ein köstliches und sehr einfach zuzubereitendes Dessert (wenn man denn paar Arm-Muckis hat; Felsenbirnen-Rezept siehe unten) …
Felsenbirnen und Wildkräuter beim Kräuter-Radeln
Am Tag zwischen Übungs-Zabaione und Kochevent-Einsatz war ich mit drei Mädels zum Kräuter-Radeln verabredet. Hat sich ja einiges an Wissen bei mir angesammelt. Ausgehend von meiner Gegend, da ich hier viele Standorte diverser essbarer Wildpflanzen kenne, wollten wir Wildkräuter mit dem Fahrrad erkunden.
Wir begutachteten die noch unreifen Kornelkirschen und Schlehen, naschten Kirschen, identifizierten Steinklee anhand des Bestimmungsbuches für Essbare Wildpflanzen, klärten die Unterscheidungsmerkmale von Echter und unechter Kamille, sammelten Silberblättrige Taubnessel, sinnierten über Verwendungsmöglichkeiten der Echten Nelkenwurz, picknickten unweit der Wasserbüffel im ehemaligen Grenzstreifen, bevor wir (noch zu dritt) über die Dörfer ausschwärmten.
Apropos schwärmen … von den Felsenbirnen waren die Damen restlos begeistert. Ich hoffe nur, die Drei halten dicht, was den Standort der Felsenbirnen angeht. 🙂 Claudia hat übrigens einen schönen Bericht zum Kräuter-Radeln geschrieben.
Felsenbirnen-Rezept
Das war sie, die Felsenbirnen-lastige Zusammenfassung der vergangenen zwei Wochen. Falls ihr Lust auf Kräuter-Radeln im Berliner Süden bekommen habt, lasst es mich wissen. 🙂
Und nun das Rezept für Felsenbirnen mit Minz-Zabaione. Die Zabaione (insbesondere mit Minze) passt natürlich ebenso gut zu Erdbeeren und anderen Früchten. Laut Kochbuch sollten die Mengen für 4 Portionen Zabaione reichen. Bei uns waren es lediglich 2 große.
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Rezept
Felsenbirnen mit Minz-Zabaione
der italienische Dessertklassiker mit Minze gepimpt
Quelle: Buch Der große Lafer (abgewandelt)
Rezept: Peggy Schatz
Zubereitungszeit:20 – 30 min
200 g Felsenbirnen (ohne Stiele)
4 frische Eigelb
70 g Zucker
80 ml Weißwein (oder Milch, wenn Kinder mitessen)
3 Zweige Minze
Zubereitung:
Die Blätter der Minze von den Stielen zupfen und fein hacken.
Die Felsenbirnen auf Dessertgläser verteilen.
Im Falle, man verwendet Milch, diese mit der gehackten Minze kurz aufkochen und 10 Minuten abkühlen/ziehen lassen.
Die restlichen Zutaten bereit stellen.
In einer Rührschüssel die Eigelb und den Zucker mit dem Schneebesen verquirlen, bis die Masse hell und schaumig wird.
Währenddessen in einem Topf ca. ½ l Wasser zum Kochen bringen. Die Rührschüssel auf den Topf setzen (darf das Wasser nicht berühren).
Den Wein und die Minze (bzw. für die Kindervariante die Minze-Milch) zu der Eigelb-Zucker-Mischung im Wasser(dampf)bad geben und gründlich ununterbrochen durchrühren, bis die Masse deutlich dick und voluminöser geworden ist. Insgesamt ca. 10 Minuten Rührerei einplanen.
Die Schüssel vom Wasserbad nehmen und während des Abkühlens noch 2 Minuten weiter rühren, damit die Masse nicht stockt.
Die Zabaione sofort über die Felsenbirnen geben und servieren, da Zabaione mit der Zeit zusammen fällt.
Zabaione wird es hier nun öfter geben. Felsenbirnen leider erst nächsten Juni wieder …
Nu sag mir bloß, wer kommt denn auf die Idee, diese Kügelchen ausgerechnet Felsenbirne zu nennen!
Das ist doch echt ein Witz!
Hochstämmige Heidelbeeren kämen meiner Meinung nach eher hin. Tststs!
Allerdings, so`n lecker gefülltes Glas würd ich ja auch gern auslöffeln…, egal wie die Früchtchen heißen.
Wieder, wie immer, sehr appetitanregend Dein Artikel, meine kleine Kräuterhexe. Weiter so!