braune Soße

Eigentlich wollte ich mich auf das anstehende Klassentreffen in Dresden freuen. Nur ist mir mittlerweile die Lust, in meine alte Heimat zu reisen, komplett vergangen. Deshalb heute nochmal ein off-topic-Thema. Nur der Titel hat kulinarische Anklänge. Der Rest ist zum Kotzen.

Die Generation derer, die in Deutschland braune Soße auslöffeln musste, ist noch nicht Geschichte, da kocht bereits der nächste Topf über. Meine alte Heimat bekleckert sich nicht mit Ruhm im Umgang mit Menschen, die aus Verzweiflung oder Angst ihre Heimat verlassen, eine tausende Kilometer lange Odyssee hinter sich und den rettenden Hafen vor sich haben. Wenn man sie denn ankommen ließe.

Ausgerechnet Dresden, auf das ich noch vor Kurzem richtig stolz war, weil es sich geschlossen einem Nazi-Aufmarsch entgegengestellt und diesen zum Erliegen gebracht hatte, putzt heute der braunen Bande die Stiefel.

Ich kann verstehen, dass viele Menschen – vor allem in strukturschwachen Regionen – mit existenziellen Problemen zu kämpfen haben, die aus Turbokapitalismus und Globalisierung erwachsen. Sich gegen die Übermacht von Banken und Großkonzernen zu wehren, halte ich auch für durchaus angebracht, aber doch nicht gegen Opfer von Krieg, Vertreibung und Terrorismus.

Auch weiß ich, dass einem das Thema Islam Angst machen kann. Mir auch. Man denke nur an Paris und Sidney. Trotzdem gibt uns das nicht das Recht, Muslime der Tür zu verweisen. Erst recht nicht jenen, die vor religiösen Dampfwalzen auf der Flucht sind.

Im Gegensatz zu unserer Kanzlerin bin ich übrigens nicht der Meinung, dass Deutschland Zuzug braucht, um durch Abwanderung und Kinderarmut verödete Regionen wieder zu beleben. Da muss vielmehr der Staat seine Hausaufgaben machen und kinderfreundliche Bedingungen schaffen. Es ist somit völlig legitim, die Sanierung von maroden Schulen zu fordern, aber doch nicht um den Preis, Heimatlosen ein Dach über dem Kopf zu verwehren. Überhaupt wird niemandem etwas weg genommen. Kein Cent von HartzIV und kein Flachbildschirm, wie der WDR erklärt.

Die Zeiten von Beschaulichkeit und Sicherheit sind leider vorbei. Auch in Europa, das viel zu lange auf Kosten anderer geblüht hat. Raubbau auf der einen und Radikalisierung auf der anderen Seite fordern ihren Tribut.
Nach der Blüte folgt die Reife. Was wächst da heran? Welche Früchte in unserem Umfeld gedeihen, liegt in unserer Hand: Nationalismus oder Menschlichkeit. Verschlossene Türen oder offene Herzen.

Warum vergrault Heidenau den Teenager aus Somalia, der mit dem gesamten Ersparten der Familie ganz alleine auf die lange, gefährliche Reise geschickt wurde, wo er doch andernfalls gezwungen gewesen wäre, als Kindersoldat zu töten, um nicht selbst getötet zu werden? Dabei möchte er lediglich in Frieden leben und Fußball spielen. Er ist nicht gekommen, um irgend Jemandem etwas wegzunehmen. Auch nicht den Job. Aber selbstverständlich wird er, wenn er alt genug ist, Arbeit suchen, um dem Steuerzahler nicht auf der Tasche zu liegen. Vllt. kehrt er eines Tages heim.

Wieso pöbeln Freitaler gegen die fünfköpfige Familie aus Syrien, die sich nicht der Terrorherrschaft der IS unterwerfen möchte oder gegen die Menschen, denen auf Grund ihrer Ethnie oder Religion der sichere, grausame Tod droht? Haben wir vergessen, dass wir 1989 selber mobil gemacht haben, um einer Diktatur zu entkommen, die uns die Luft abgeschnürt hat? Dabei gab es in der DDR außer gelegentlichen Lebensmittelengpässen keine Gefahr für Leib und Leben. Trotzdem wurde keiner zurück geschickt.

Machen wir uns mit Verweigerung von Solidarität nicht zum Handlanger der hässlich gewordenen Welt, in der wir heute leben? Wollen wir sie nicht lieber lebenswerter machen? Für uns, unsere Kinder und die, die Zuflucht bei uns suchen?
Platz ist in der kleinsten Hütte, wenn man nur will. Im europäischen Maßstab liegt Deutschland mit Platz 7 weit hinter Schweden, wo 8 Flüchtlinge auf 1000 Einwohner kommen. Wem das alles immer noch zu viel ist, beachte, dass 9 von 10 Flüchtlingen in den Nachbarländern der Krisenregionen unterkommen (Zahlen und Fakten). Im kleinen Libanon mit seinen 4 Millionen Einwohnern lebt eine Million Flüchtlinge. Auch die Türkei hat einer Million Menschen Zuflucht gewährt, da werden wir doch wohl ein paar Zehntausend verkraften können.
[Edit: Ich wurde soeben darauf hingewiesen, dass die Zahlen nicht (mehr) stimmen. Deshalb streiche ich sie, bis aktuelles Zahlenmaterial vorliegt.]

Wir haben uns entschieden. Wir möchten nicht zu jenen gehören, die braune Soße ausschenken oder auch nur tolerieren. Dafür lassen wir uns gern als Gutmenschen betiteln. Was ist übrigens schlecht daran, gut zu sein?

Mit diesem Blogartikel unterstützen wir die Aktion Blogger für Flüchtlinge. Kontakt zum hiesigen Flüchtlingsheim haben wir auch aufgenommen. Vorurteile und Ängste lassen sich nämlich am besten aus dem Weg räumen, wenn man Menschen und deren Geschichten persönlich begegnet. Außerdem ist es hilfreich, sich objektiv mit dem Thema auseinander zu setzen, indem man

  • die eigene ostdeutsche Vergangenheit nicht vergisst (Nachdenkliches für Ostdeutsche)
  • Fremdenhass nicht stillschweigend toleriert
  • nicht ungeprüft alles glaubt, was als ‚Fakten‘ in Umlauf gebracht wird (Da wird nämlich fleißig zusammen kopiert, aus dem Zusammenhang gerissen (Beispiel) und gerne auch mal gelogen, um die erwünschten Ressentiments zu schüren.)

Und wer über seinen Schatten springen und helfen möchte, findet hier für den Raum Berlin/Brandenburg Anlaufstellen: rbb – Flüchtlingshilfe

siehe auch meinen Tomaten-Text-Salat zum Thema …

veröffentlicht am: 24.08.2015

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