Vorarlberg – zahme Tiere, wilde Kräuter …

Am letzten Tag meines Vorarlberg-Besuchs fuhr ich mit der sympatischen Fremdenführerin Helga zum Vorsäß Schönenbach im Bregenzerwald, um die für das Vorlberg typische 3-Stufen-Landwirtschaft kennen zu lernen.

Ziege
anhängliche Ziege
© Wildkraut & Wanderschuh

Wegen der Berge und dem lange darin hängen bleibenden Winter, geht es für Landwirte und deren Vieh jeweils in 2 Etappen auf die Sommerweide und retour. Von Mai bis Juni kampieren Mensch und Tiere in so genannten Vorsäß-Siedlungen, bevor es dann weiter bergauf auf die Alp geht. Hier stehen die typischen Vorsäßhäuser mit Wohnbereich, Stall und Veranda mit Wetterschutz.

Vorsäß-Hütte
Vorsäß-Hütte
© Wildkraut & Wanderschuh

Die kleine, von bärtigen Männern und Jungs in zünftiger Kleidung umstandene Kapelle, verströmt vielstimmigen Gesang. Wir setzen uns zu den temporären Bewohnern der Siedlung und lauschen. Wie sich heraus stellt, haben wir einen besonderen Sonntag mit gastierenden Chören erwischt.

Das Vorsäß Schönenbach ist als malerischer Ausgangspunkt für Wanderungen auch bei Tagesausflüglern beliebt.

Vorsäß Schönenbach
Vorsäß Schönenbach
© Wildkraut & Wanderschuh

Wer nicht wandern mag, oder bereits seine Runde hinter sich hat, kehrt im Jagdgasthaus Egender ein, wo die besten Käsknöpfle weit und breit serviert werden. Wir hätten kosten dürfen, aber anfangs war der Magen und nachher das Lokal zu voll. Ausgesehen haben die in Gebsen (Fässer, die zum Buttern verwendet wurden in kleiner) servierten Käsknöpfle jedenfalls phantastisch. Wir gleich nicht mehr, denn nachdem wir die von mir gewünschte Miniwanderung trockenen Fußes absolviert hatten, weichte uns ein Platzregen auf den letzten 400 m vom Vorsäß zum Auto bis auf die Haut durch.

Bregenzer Wald
Bregenzer Wald
© Wildkraut & Wanderschuh

Übrigens hatte ich im kleinen Lädchen auf dem Vorsäß eine weitere Spezialität der Region entdeckt, Sig, auch Wälder Schokolade bzw. Älplerschokolade genannt. Sig ist eine Art Karamell, das durch Einkochen der bei der Käseherstellung anfallenden Molke entsteht. Leider hatte ich nach der Miniwanderung nicht mehr daran gedacht, eine Kostprobe zu kaufen. Neugierige können das Produkt aber auch online beziehen. Zum Beispiel bei Metzler Molke.

Nach kurzem Trocknungs-Zwischenstopp im Hotel ging es sogleich weiter ins Nachbartal, wo wir bei Au-Schoppernau im Natur Erlebnis Holdamoos mit Annemarie verabredet waren. In Holdamoos gibt es Alpgeschichte zum Anfassen in Form einer 400 Jahre alten Vorsäßhütte und einem Kräutergarten jüngeren Datums.

Leben auf der Alp
Leben auf der Alp
© Wildkraut & Wanderschuh

Letzterer hat mich sehr interessiert, aber mehr als ein kurzer Rundgang mit Blick auf Marienblatt, Eberraute, Knoblauchsrauke, Alpenmutterwurz, Engelwurz, Nelkenwurz, Bärwurz, Meisterwurz, Schabziger Klee, Sauerklee, Süßdolde, Wiesenknöterich, Waldgeißbart, guter Heinrich und weitere Garten- und Wildkräuter war nicht drin. Das Unwetter hatte es mittlerweile über den Kamm geschafft und drohte, uns ein zweites Mal heimzusuchen.

Holdamoos
Mit Annemarie in Holdamoos
© Wildkraut & Wanderschuh

Der Plausch mit Annemarie, der Hüterin von Holdamoos, war unheimlich interessant. Nicht nur kannte sie Anregungen und Rezepte für allerlei Garten- und Wildpflanzen, sondern wusste von der Wichtigkeit, die die einzelnen Gaben der Natur damals für die Menschen hatten. Früher gab es keine Hütte ohne daneben gepflanzten Gesundheitswächter in Form von schwarzem Holunder.
Dieser half (und hilft immer noch) gegen trockenen Husten. Und zwar folgendermaßen:

  • 1 Mokkatässchen gepresster Holunderbeersaft erwärmen
  • 1 TL Butter und 1 Schnaps hinein rühren
  • das Ganze in den Patienten löffeln 😉
Garten- und Wildkräuter in Holdamoos
Garten- und Wildkräuter in Holdamoos
© Wildkraut & Wanderschuh

Auch Heidelbeeren spielten eine große Rolle und wurden im Rucksack vom Berg geschleppt. Sie dienten getrocknet als Heilmittel bei Durchfall und wurden zu Marmelade verarbeitet. Wilde Berberitzen (Lüdobeer) gab es dagegen nur bei Krankheit. Auch Obstblüten, jungen Baumtrieben, rotem Holunder und Kräutern wie Beinwell, Allermannsharnich und viel Weiteren wurden gesundheitsfördernde Aspekte nachgesagt.

Eine Kennerin der Gaben der Natur und deren Vorzüge war nicht nur Annemarie, sondern auch die berühmte Hildegard von Bingen. Die haben wir am Abend besucht …

Fortsetzung vorauss. morgen

Die ganze Story:

Teil 1: Nose to Tail in Frastanz
Teil 2: Gutes Leben – erfolgreich wirtschaften
Teil 3: Montafoner Spezialitätenmarkt
Teil 4: Süßwasserfisch in Wort und Tat
Teil 6: Wilde Weiber-Menü

veröffentlicht am: 16.07.2015

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4 Kommentar(e)

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